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Zahnmedizin
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MIH – Mineralisationsstörung als neue Volkskrankheit? Interview mit Prof. Dr. Dr. Norbert Krämer

Bei der sog. Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) handelt es sich um eine systemisch bedingte Strukturanomalie primär des Schmelzes, welche an einem bis zu allen vier ersten bleibenden Molaren auftritt. Häufig weisen auch die bleibenden Frontzähne und zunehmend auch die 2. Milchmolaren diese Fehlstrukturierung auf. Klinisch fällt die unterschiedliche Ausprägung der Erkrankung auf. Die Mineralisationsstörung kann sich dabei auf einen einzelnen Höcker beschränken oder aber die gesamte Oberfläche der Zähne betreffen. Die milde Form der MIH zeigt eher weiß-gelbliche oder gelb-braune, unregelmäßige Opazitäten im Bereich der Kauflächen und/oder Höcker. Die schwere Form der Zahnentwicklungsstörung weist abgesplitterte oder fehlenden Schmelz- und/oder Dentinareale unterschiedlichen Ausmaßes auf. Die Zähne brechen teilweise mit diesen Veränderungen in die Mundhöhle durch und sind unter Umständen sehr sensibel auf Kälte und Zähneputzen.

Herr Prof. Dr. Dr. Krämer, Kreidezähne bei Kindern sind ein immer größer werdendes Problem, in aktuellen Berichten wird bereits von einer neuen Volkskrankheit gesprochen. Wie viele Kinder sind betroffen? Liegen Ihnen spezielle Zahlen für Baden-Württemberg vor?

Daten für Baden Württemberg liegen mir nicht vor. Die Erkrankung wurde in dieser Form erstmals vor 1987 von G. Koch beschrieben. Vor diesem Hintergrund schwanken die Literaturangaben zur Prävalenz der MIH sehr. In Abhängigkeit von der Studie und den Bewertungskriterien sind Häufigkeiten zwischen 3,6 % und 37 % zu finden. Aktuelle Studien aus Deutschland zeigen, dass im Durchschnitt etwa 10 bis 15% der Kinder an MIH leiden. Wir haben im Rahmen der letzten bundesweiten DAJ-Studie die Anzahl der sog. Kreidezähne für Bayern ebenfalls erhoben. Bei den 6-/7-Jährigen lag die Quote der Kinder mit MIH bei 8 %. Die jüngste DMS V – Studie zur Mundgesundheit berichtet über knapp 30% (!) der 12-jährigen Kinder, die diese Strukturanomalie haben. In einer Studie im Lahn-Dill-Kreis konnten wir eine Zunahme der Erkrankung um 60% in den letzten 12 Jahren feststellen. Bezogen auf die Mundgesundheit und die Lebensqualität der Kinder ist MIH mittlerweile ein größeres Problem als Karies in dieser Altersgruppe.

Welche Ursachen gibt es dafür? In der Pressemitteilung der DGZMK wird insbesondere auch auf Kunststoffe verwiesen.

Die Ätiologie der MIH muss bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt als weitgehend ungeklärt angesehen werden. Da die Schmelzentwicklung der ersten Molaren und der Inzisivi zwischen dem achten Schwangerschaftsmonat und dem fünften Lebensjahr stattfindet, muss die Störung auch in dieser Zeitspanne aufgetreten sein. Diskutiert wird ein multifaktorielles Geschehen. Als potenzielle Ursachen kommen Probleme während der Schwangerschaft, Infektionskrankheiten, Antibiotikagaben, Windpocken, Einflüsse durch Dioxine sowie Erkrankungen der oberen Luftwege in Betracht. Aufgrund von Tierversuchen konnte ein Zusammenhang zwischen dem Bisphenol A-Konsum und der Entwicklung von MIH nachgewiesen werden.

Bisphenol A wird auch in Komposit-Materialen verwendet. Kann dies unter dem Aspekt der Zunahme von Kunststofffüllungen als Alternative zu Amalgam weiterhin uneingeschränkt empfohlen werden? Zu welcher Füllung raten Sie?

Den Einfluss von Kompositfüllungen auf die Entstehung von MIH kann man wohl eher ausschließen. Die Mineralisation der Zähne passiert in der Regel lange bevor die erste Milchzahnfüllung gelegt wird. Ich persönlich hatte erst sehr wenige Kinder unter einem Jahr, die ich wegen Frühkindlicher Karies mit Komposit versorgen musste.

Die Art der Behandlung hängt von dem Grad der Erkrankung ab. Dies gilt als Grundlage für das neu entwickelte Würzburger MIH-Konzept (MIH-Treatment Need Index) und soll Zahnärzten als Handlungsanweisung zur angemessenen Versorgung der kleinen Patienten dienen. In den schweren Fällen beobachten wir, dass die betroffenen Molaren häufig recht empfindlich auf mechanische, thermische und chemische Reize sein können. Erklärt wird dies durch eine chronische Entzündung (Reizung) der Pulpa, bedingt durch die erhöhte Porosität des Schmelzes mit andauernder Einwirkung von obigen Noxen. Die betroffenen Patienten klagen über Schmerzen beim Trinken, Essen und Zähneputzen. In diesen Fällen ist ein schnelles therapeutisches Eingreifen dringend geboten. Dabei setzen wir gerne dünnfließende Glasionomerzemente zur Versorgung ein. Ist der Zahn durchgebrochen, gilt die adhäsive Versorgung mit Komposit als Mittel der Wahl. Eine Überkronung mit konfektionierten Stahlkronen ist sinnvoll, falls der Zahn vollständig von MIH betroffen ist. Amalgam ist bei diesen Zähnen laut Empfehlung unserer europäischen Fachgesellschaft nicht indiziert!

Die Zahnärzte werden nach diesen Berichten häufig mit den Fragen besorgter Eltern konfrontiert. Was empfehlen Sie?

Da zunehmend auch die 2. Milchmolaren von der Erkrankung betroffen sind (Mineralisation wesentlicher Anteile der Krone auch erst nach der Geburt), sollten die Eltern die Kinder möglichst mit 30 Monaten beim Zahnarzt vorstellen, um die MMH (Milch-Molaren-Hypomineralistion) frühzeitig festzustellen. Die Zähne sollten durch den Zahnarzt alle 3 Monate fluoridiert werden (erhöhtes Kariesrisiko). Der nächste wichtige Termin beim Zahnarzt ist der Durchbruch der 6-Jahrmolaren mit etwa 5,5 Jahren. Die Eltern sollten die Zähne mit einer altersgerechten fluoridhaltigen (Kinder-)Zahnpaste putzen. Bezüglich der Prävention vor MIH kann heute nur empfohlen werden, Plastik an und um Lebensmittel möglichst zu meiden.

Herzlichen Dank!

Experte

Prof. Dr. Dr. Norbert Krämer ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ), Universitätsprofessor und Direktor der Poliklinik für Kinderzahnheilkunde am Universitätsklinikum Gießen Marburg.