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„Alles unter einen Hut“ Nr. 1 (2022)

09.03.2022

In dieser Ausgabe

Service

Editorial

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Zahnärztin Linda Tröscher: „Die Selbständigkeit gibt mir die Flexibilität, Familie und Praxis unter einen Hut zu bringen.“

COVID-19

Testpflicht in der KITA: Für eine familienfreundliche Umsetzung

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copyright MarianneBos/unsplash.com

Editorial

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Widersprüche begleiten uns in unserem Alltag. Meistens sind sie uns einfach lästig, sie aufzulösen kostet Zeit und Energie. In unserer neuen Ausgabe des Newsletters für Praxisalltag und Familie geben wir zwei Beispiele, wie Kolleginnen aus unserer Mitte das Widersprüchliche in etwas Positives umwandeln.

Viele unter Ihnen stehen täglich vor der Herausforderung, Praxisalltag und den Wunsch nach ausreichend Zeit mit der Familie zusammenzubringen. Das gelingt an manchen Tagen mehr und an anderen weniger zufriedenstellend. Dass Selbständigkeit dabei kein Hinderungsgrund ist, sondern deutlich mehr Freiräume ermöglicht, zeigt der Weg unserer Kollegin Linda Tröscher aus Spechbach. Sie vereint das sonst oft Widersprüchliche buchstäblich in ihrer „Familienpraxis“.

„Eine eigene Praxis haben, aber die eigene Familie nicht testen dürfen?“ – diesem Widerspruch sehen sich derzeit viele Kolleg*innen ausgesetzt. Unsere Vorstandsreferentin für Frauen und Angestellte Dr. Florentine Carow-Lippenberger hat sich hierzu bereits engagiert an die zuständigen Behörden gewandt. In ihrem Gastbeitrag beschreibt sie, dass das Testen ihrer beiden Kinder durch Auflagen der Gemeinde, der Trägerin der Kita, mittlerweile neben Praxis und Familie zu einem zeitfressenden Nebenjob geworden ist.

Mit herzlichen kollegialen Grüßen

Ihre Ute Maier

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copyright Zahnarzt Spechbach

Zahnärztin Linda Tröscher: „Die Selbständigkeit gibt mir die Flexibilität, Familie und Praxis unter einen Hut zu bringen.“

Linda Tröscher (35) ist Zahnärztin und ausgebildete Zahnarzthelferin und kennt sich bestens in der zahnmedizinischen Versorgung aus – seit 2018 behandelt sie in ihrer Familienpraxis in Spechbach (Rhein-Neckar-Kreis) große und kleine Patientinnen und Patienten. Aber Familie ist bei Linda Tröscher nicht nur in der Praxis wichtig, sondern spielt auch Zuhause die entscheidende Rolle. Über den Wert des Zusammenhalts im Team und in der Familie sowie über das Vertrauen zwischen Patient*innen und Praxis spricht sie im Interview.

Vielen Dank, dass Sie sich zu diesem Interview bereit erklärt haben, Frau Tröscher! Auf Ihrer Webseite heißen Sie Ihre Patient*innen in Ihrer Familienpraxis willkommen. Was heißt das für Sie – Familienpraxis?

Das heißt für mich in erster Linie, dass alle Patienten – vom Baby mit dem ersten Zahn bis zur Uroma mit dem letzten Zahn – in unserer Praxis von uns behandelt und begleitet werden. Wir decken außer den Bereichen Kieferorthopädie und Implantologie alle zahnmedizinischen Angebote ab. Wir haben Schwerpunkte, etwa die Kinderzahnheilkunde, aber bei uns sind alle willkommen.

Zum anderen bedeutet Familienpraxis für mich, dass wir hier im Team eine Familie sind. Mein Mann gehört auch zum Praxisteam, er ist Osteopath, hat seine Praxis gegenüber und ist dementsprechend viel präsent. Wir arbeiten auch viel zusammen im Bereich Kiefergelenkstherapie.

Neben meinem Mann gehören meine zwei Kinder natürlich auch zur Praxis. Meine Tochter ist zwei Wochen, bevor ich mich niedergelassen habe, auf die Welt gekommen. Das heißt, sie ist das erste Lebensjahr auch in und mit der Praxis aufgewachsen. Wenn ich Familienpraxis sage, sind also sowohl meine Patienten als auch meine Familie und mein Team mitgemeint.

Das Thema Familie spielt bei Ihnen also eine große Rolle: Wie ist das für Sie selbst, wie bringen Sie Beruf und Privatleben unter einen Hut?

Das war definitiv eine Herausforderung, ja. Ich hatte das Glück, dass mein Mann zu dem Zeitpunkt in der Ausbildung war, das heißt, er konnte vieles von Zuhause bzw. von der Praxis aus machen, etwa lernen oder auch auf unsere Tochter aufpassen. So hatte ich den Vorteil, dass ich sie stillen konnte. Wir haben damals im Terminbuch auch Pausen eingeplant, so dass ich für meine Tochter da sein konnte. Als sie älter war, haben wir vorne am Empfang einen Laufstall aufgestellt. Die Patienten haben das super aufgenommen und sich immer erst nach meiner Tochter erkundigt. Nichtsdestotrotz war es natürlich auch eine anstrengende Zeit. Die Nächte mit einem kleinen Kind sind oft schlaflos, das ist kein Zuckerschlecken, aber wir haben es hingekriegt, weil wir mussten. Ich muss aber auch sagen, dass es in der Selbständigkeit verhältnismäßig einfach für mich war. Denn grade in der Selbständigkeit war ich flexibler und konnte bestimmen, dass wir alle zwei Stunden 15 Minuten für eine Stillpause freimachen. Ich denke, in einer Anstellung wäre das schwieriger gewesen. Ob ein Arbeitgeber sich auf sowas einlässt?

Das ist ein spannender Punkt, den Sie da ansprechen. Also hat Ihnen die Selbständigkeit die Familienplanung sogar erleichtert?

Das würde ich schon sagen. Meine ältere Tochter wird bald eingeschult und wir haben demnächst Gespräche in der Schule. Als Selbständige kann ich sagen: Okay, wir machen da mal ein bisschen früher Feierabend und hängen die zwei Stunden an einem anderen Nachmittag dran – ich bin flexibler in der Vereinbarkeit von Familien- und Praxisalltag. Dasselbe gilt für unsere Urlaubsplanung. Zudem kann ich meine Kinder immer mit in die Praxis nehmen. Das macht es mir im Leben spürbar leichter. Diese Flexibilität hat man in der Anstellung sicher nicht.

Welche Rolle spielt dabei Ihr Team?

Uns war von Anfang an wichtig, ein Team zu haben, das zusammenhält. Wenn einer aus dem Team einen schlechten Tag hat, dann kommt er morgens schon und kommuniziert das auch: Achtung, ich bin schlecht drauf, weil ich mich mit meinem Freund gestritten habe oder die Kinder letzte Nacht schlecht geträumt haben – jeder hat mal was und ich freue mich, dass wir im Team diese Offenheit und das Vertrauen haben. So können wir dann auch Rücksicht darauf nehmen. Wir arbeiten da Hand in Hand, nicht nur im zahnmedizinischen, sondern auch im privaten Sinne. Ich denke, das ist für ein Team wichtig, dass man sich gut kennt.

Tauschen Sie sich hierzu auch mit Kolleg*innen aus?

Definitiv ja. Ich habe in Heidelberg studiert, viele Kommilitonen sind im Umkreis geblieben, haben sich auch selbstständig gemacht und sind Eltern geworden. Da ist der Familien- und Berufsalltag schon Thema und es ist gut, sich auszutauschen und zu fragen: Wie machst du das, wie funktioniert das bei dir? Eine Kollegin beispielsweise ist einen anderen Weg gegangen und hat ein halbes Jahr ausgesetzt. Da muss einfach jeder für sich seinen eigenen Weg finden. Die Selbstständigkeit muss man auch wollen. Ich sehe da klar den Benefit.

Haben Sie eine konkrete Idee, was sich für eine bessere Vereinbarkeit ändern müsste?

Wichtig ist, dass man ein funktionierendes (familiäres) Umfeld hat, das im Notfall auch mal einspringen kann. Ansonsten wäre es nicht schlecht, jemanden zu haben, der einen an die Hand nimmt – grade bei der Selbständigkeit – und hilft, dann lastet das nicht ganz alleine auf einem. Das ist ein Thema, das sicher alle jungen Zahnärzte bewegt. Anders als die ältere Generation haben jüngere Zahnärzte andere Themen, die ihnen wichtig sind – gerade bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Wieso haben Sie sich in Spechbach niedergelassen und nicht etwa im nähergelegenen Heidelberg? War das eine bewusste Entscheidung für eine Niederlassung auf dem Land?

Ja, das war eine bewusste Entscheidung. Ich bin auf dem Land groß geworden, das hat mich sicherlich geprägt. Ich habe den Eindruck, dass in der Stadt eher eine Fluktuation von Patienten herrscht. Hier in Spechbach habe ich einen treuen Patientenstamm, der mir viel Vertrauen schenkt. Eine vertrauensvolle Beziehung zu meinen Patienten ist mir wichtig, das bietet mir auch die Sicherheit, dass sie wiederkommen. Das macht mehr Spaß!

Welche Vorteile und gegebenenfalls Nachteile sehen Sie persönlich für die Berufsausübung auf dem Land?

Ich sehe eher die Vorteile im ländlichen Bereich. Auch während Corona – in Heidelberg waren alle so verunsichert und wollten nicht mehr zum Zahnarzt gehen, da wollten die Leute nicht mehr aus dem Haus. Auf dem Land hatten wir anfangs nicht so viele Corona-Fälle und es war entspannter. Da hatten wir nicht diesen Einbruch, den es in städtischen Praxen gab, da gab es doch viel Verunsicherung bei den Patienten, weil sie über Social Media die falschen Nachrichten gelesen haben. Bei uns war das nicht so und ich denke, das hatte einfach den Grund, dass unsere Patienten bei uns anrufen und gefragt haben: „Können wir kommen?“ – Natürlich können meine Patienten zu mir kommen, erst recht, wenn sie Schmerzen haben. Die vertrauensvolle Verbindung zwischen Zahnarzt und Patient spielt da eine ganz große Rolle. Für uns ist zum Beispiel die Erreichbarkeit nicht so das Thema. Hier sind alle mobil und die Praxis ist mit dem ÖPNV sehr gut zu erreichen.

Was würden Sie einer Kolleg*in raten, die vor der Entscheidung zwischen Niederlassung oder Anstellung steht?

Man muss natürlich abwägen: Wo stehe ich gerade? Wie sieht unsere Familienplanung aus? Für mich war klar: Erst kommen die Kinder, dann die Praxis – dass es dann doch so kurz hintereinander kam, das war dann einfach so (lacht) – manche Dinge im Leben lassen sich nicht planen. Aber an sich war das für mich gut, dass die Kinder vor der Niederlassung auf der Welt waren. Eine grundsätzliche Frage, die man sich stellen muss: Kann ich eine eigene Praxis stemmen? Wie sind die Kitas in der Umgebung, hab ich in meinem Umfeld genug Unterstützung? Für uns war zum Beispiel ein entscheidender Faktor dass wir hier eine Kita haben, die bis 17 Uhr geöffnet hat für den Fall, dass doch mal jemand in der Familie ausfallen sollte und die Kinder nicht rechtzeitig abholen kann. Da spielen viele Kriterien mit rein.

Weil Sie auch so viel mit Kindern zu tun haben: Der Expertenrat der Bundesregierung hat in seiner siebten Stellungnahme die Notwendigkeit einer prioritären Berücksichtigung des Kindeswohls in der Pandemie postuliert. Wie nehmen Sie Familien und junge Patient*innen in der Pandemie wahr?

Von den Eltern haben wir schon mal gehört: „Jetzt ist Corona, da gehen wir vielleicht nicht zum Zahnarzt.“ Das ist schade, weil wir vermehrt sehen, dass Kinder schlechter geputzt haben; dass es eher mal zu Löchern kommt; dass wir viele Jugendliche mit Kiefergelenksproblemen haben, weil sie den Stress der Pandemie durchs Knirschen bewältigen. Die Pandemie hat da ihre Spuren hinterlassen.

Vielen Dank für das Gespräch!

COVID-19

copyright AnnieSpratt/unsplash.com

Testpflicht in der KITA: Für eine familienfreundliche Umsetzung

Zahnärztin Dr. Florentine Carow-Lippenberger aus Flein berichtet von Sinn und Unsinn der Testungen ihrer Kinder und schildert ihre eigenen Erfahrungen. Die Vorstandsreferentin für Frauen und Angestellte der KZV BW hat sich auf kommunaler Ebene für die Anerkennung der von ihr als Zahnärztin durchgeführten Tests stark gemacht und gibt uns einen Einblick in den Alltag des Testens.

Von Dr. Florentine Carow-Lippenberger

Anfang Januar begann alles noch entspannt:  Die Kinder wurden von uns zuhause drei Mal wöchentlich – montags, dienstags und freitags – getestet. Das Drama begann schließlich mit dem ersten positiven Corona-Fall im Kindergarten und der damit einhergehenden 5-tägigen Testpflicht bei „offizieller Stelle“. Pro positivem Fall verlängert sich diese Pflicht, was speziell in unserem Kindergarten seit Mitte Januar Dauerzustand ist, denn alle paar Tage tauchte dann wieder ein positiver Fall auf. Laut Gesetzgeber ist eine Zahnarztpraxis Leistungserbringer nach §6 CoronaVO und dazu berechtigt, Corona-Testzertifikate auszustellen. Unsere Gemeinde sieht das allerdings anders und akzeptiert die Zertifikate der „ärztlich tätigen Eltern“ nicht, sondern sieht diese als Selbsttest (laut CoronaAbsonderungsVO) an, sogar dann, wenn die Praxis eine offizielle Bürgertestung anbietet. So sind wir seit Mitte Januar täglicher Gast in einem Kosmetikstudio, um unsere Kinder „professionell“ und „offiziell“ testen zu lassen, was zeitlich natürlich zusätzlich organisiert werden muss und bei den Kindern mittlerweile auch teilweise auf Widerstand stößt.

Die Regeln zur Testung in Kindertagesstätten wurden in den vergangenen Wochen bekanntermaßen öfter angepasst. Wir waren auch einen Tag in Quarantäne, da mehr als fünf Fälle in unserem Kindergarten zeitgleich auftraten. Diese wurde aber vom Landesgesundheitsamt beendet, da ab diesem Zeitpunkt dann nur noch positive Kinder in Quarantäne mussten, keine Kontaktpersonen mehr. Offensichtlich wurden auch weniger sinnvolle Regelungen erkannt und etwas abgemildert, was aber an der anfänglichen Umsetzungspflicht nichts änderte, wie zum Beispiel, dass Kinder nach Auftreten eines positiven Falles im Kindergarten fünf Tage lang jeden Tag zum Schnelltest gehen mussten, auch wenn die Kinder überhaupt nicht in den Kindergarten gegangen sind (sonst hätte dem Kind ein 14-tägiges Betretungsverbot in der Einrichtung gedroht). Das wurde dann glücklicherweise auch wieder abgeschafft. Es reicht aber auch nicht, den einen Tag morgens zum Testen zu gehen und am anderen Tag nachmittags. Zumindest in unserem Kindergarten ist täglich die gleiche Uhrzeit auf dem Nachweis gewünscht (ich musste schon mal an einem Tag zweimal zum Testen), da der Test nur 24 Stunden gültig ist.

Ich gehe davon aus, dass das bis zum 19. März so weiter geht. Dieses tägliche Warten auf den zweiten Strich auf dem Test und somit die allmorgendliche Frage: „Kann ich überhaupt zur Arbeit?“,  ist auf Dauer sehr anstrengend und macht die Planung in der Praxis nicht gerade einfacher.

Mitte Februar war es dann bei meiner Tochter soweit, der zweite Strich erschien. Es war an einem Sonntag, da konnte ich dann schon etwas für die Woche umorganisieren, gegen Ende der Woche blieb mein Mann für zwei Tage zuhause und ich konnte dann arbeiten gehen. Ruhe vor dem Testen hatten wir trotzdem nicht, denn mein Sohn war ja noch nicht positiv. So testete ich weiterhin ihn und mich täglich zuhause, insgeheim schon in der Hoffnung, dass er auch schnell positiv sein würde, so dass die Quarantäne sich so wenig wie möglich in die Länge ziehen möge. Aber er blieb tapfer negativ. Nach der Infektion geht es natürlich weiter mit dem Testen, denn der Genesenennachweis zählt ja erst ab dem 28. Tag nach dem Positivabstrich. Also geht das Warten mit dem zweiten Kind und das Testen mit beiden erstmal weiter, denn es kommen alle paar Tage immer noch Mitteilungen über positive Testergebnisse aus dem Kindergarten.

Die Tatsache, dass ich die Tests, die ich als Arbeitgeberin bei meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Rahmen der Testpflicht durchführen muss und darf, aber mit meinen eigenen Kindern in eine Testzentrum muss, sorgt bei mir und meinen Kollegen für großes Unverständnis. Meine Fachlichkeit wird in der Person als Mutter in Frage gestellt, ebenso meine Glaubwürdigkeit wahrheitsgetreue Aussagen zu machen oder die Tatsache, dass ich den Test korrekt und vorschriftsmäßig durchführe. Die Konfrontation der Gemeinde (dem Träger der KITA) mit der rechtlichen Auffassung unserer Kammer und den entsprechenden Verordnungsnachweisen gründete in eine Anfrage an das Sozialministerium, ob die Testnachweise der „eigenen Eltern als Leistungserbringer“ zu akzeptieren sind. Diese Anfrage wurde Anfang Februar gestellt, die Antwort blieb bislang noch aus.