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Dr. Jürgen Carow: „Wer etwas kritisiert, muss auch bereit sein Verantwortung zu übernehmen“

Seit 1986 behandelt Dr. Jürgen Carow Patientinnen und Patienten in Flein (bei Heilbronn), in den letzten sieben Jahren gemeinsam mit seiner Tochter Dr. Florentine Carow-Lippenberger in einer Berufsausübungsgemeinschaft. Neben seiner Praxis engagierte sich Dr. Carow über fast 30 Jahre hinweg als Mitglied der Vertreterversammlung (VV) der KZV Stuttgart und seit 2005 der KZV BW für eine starke Selbstverwaltung und gute Rahmenbedingungen der zahnärztlichen Berufsausübung. Bei der Wahl in diesem Jahr wird er nicht mehr antreten. Im Interview wirbt er für ein Engagement der jüngeren Generation in diesem Gremium.

Herr Dr. Carow, was macht die Vertreterversammlung aus? Warum ist sie wichtig?

Die Vertreterversammlung ist das Parlament der Zahnärzte, die Delegierten sind dessen zahnärztliche Abgeordnete. Hier können die Mitglieder der Vertreterversammlung Einfluss nehmen auf die Entscheidungen ihrer Interessensvertretung und auf die Politik. Die Vertreterversammlung kontrolliert die Vorstände und bildet Gremien, in denen sich die Selbstverwaltung niederschlägt – etwa im Finanzausschuss, dem Ausschuss für das Gutachterwesen, den Prüfungsausschuss und so weiter. Die Ausschüsse gestalten die Politik der Zahnärzteschaft erheblich mit. Unser Parlament ist das Organ schlechthin, in dem wir Zahnärzte ein Mitspracherecht haben.

Haben Sie ein konkretes Beispiel, wie die VV und die Berufspolitik positive Veränderungen für die Zahnärzt*innen herbeiführen? Gibt es etwas, worauf Sie stolz sind, was Sie gemeinsam in Ihrer Funktion im Ehrenamt für die Zahnärzteschaft erreicht haben?

Der Vorstand der KZV BW verhandelt mit den Krankenkassen und macht das auch gut. Dazu greift er auch die Stimmung in unserem Parlament ab und orientiert sich danach. So wirken die Delegierten auf den Vorstand ein.

Ich habe mich beispielsweise jahrelang für die Einführung und Entwicklung einer Kostenstrukturanalyse der Zahnarztpraxis eingesetzt. Daraus ist schlussendlich vom Vorstand der KZV BW das ZäPP in Baden-Württemberg initiiert worden. Zugegebenermaßen ist es nicht immer so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt habe, aber auch das gehört ja zu einer demokratischen Entscheidungsfindung dazu. Am Ende ist etwas entstanden, das den Vertragsverhandlungen eine wichtige aussagekräftige Basis verleiht. In den letzten Jahren können wir wissenschaftlich fundierte betriebswirtschaftliche Analyseinstrumente einsetzen, um zu ermitteln, mit welchen Kosten und Ausgaben die Praxen konfrontiert sind – so können wir letztlich den Aufwand der Praxen abbilden. Für die originäre Aufgabe des Vorstands, dafür ein angemessenes Honorar zu verhandeln, ist das ZäPP – gewissermaßen eine Honorar-Findungsbasis – natürlich ein außerordentlich wichtiges Instrument.

Mit welcher Motivation haben Sie sich vor fast 30 Jahren für die VV-Wahl aufstellen lassen?

Das ist eine lange Geschichte (lacht). Bei mir ging das nach dem Prinzip: „Wer meckert, muss auch bereit sein Verantwortung zu übernehmen und bereit sein mitzugestalten.“ Nur meckern geht nicht. Wenn ich nicht zufrieden bin, dann muss ich versuchen, durch mein Engagement eine Verbesserung herbeizuführen. Politisiert haben mich die Kosten-Dämpfungsgesetze von Ehrenberg (Bundessozialminister, SPD, 1976-1982, Anm. d. Red.), die Restriktionen im ZE unter Norbert Blüm (Bundessozialminister, CDU, 1982-1998, Anm. d. Red.) und die Einführung der Budgetierung und Degression unter Seehofer (Bundesminister für Gesundheit, CSU, 1992-1998, Anm. d. Red.). Dadurch wurde die betriebswirtschaftliche Basis der Zahnarztpraxen immer weiter eingeschränkt. Ende der 80erJahre kam dann die GOZ und in Nordwürttemberg haben sich über den zahnärztlichen Arbeitskreis (ZAPF) und dem Freien Verband interessierte junge Kollegen zusammengetan, die mitgestalten wollten. Da haben wir uns in freiwilligen Arbeitskreisen zusammengesetzt und haben uns über die Strukturen und Mechanismen in den Körperschaften informiert. So kam das dann.

Es war nicht immer so, dass wir junge Zahnärzte und der Vorstand einer Meinung waren – jeder hat da seine eigene Politik verfolgt. Aber wir sind von den Vorständen immer anständig behandelt worden, wir wurden gehört und wir haben die Auseinandersetzungen gemeinsam gestaltet

Ihre Tochter engagiert sich im Ehrenamt. Haben Sie sie dazu ermutigt?

Ich habe ihr zumindest nicht abgeraten (lacht). Aber ich hab ihr natürlich offen gelassen, wie und mit welcher Zielsetzung sie sich einbringt. Normalerweise ist es so, dass man als junger Kollege erst mal die Strukturen und die Entscheidungsfindungsprozesse kennenlernen sollte. So lernt man, nicht nur die zahnärztliche Perspektive, sondern auch die Sichtweise der Verwaltung kennen. Es ist wichtig, alle Strukturen zu verstehen.

Was können Sie den jungen Zahnärztinnen und Zahnärzten, die sich engagieren wollen, mit auf den Weg geben?

Junge Kolleginnen und Kollegen sollen sich überall dort einbringen, wo sie es mit ihrem Praxisalltag und ihrem Privatleben und Lebensplan vereinbaren können. Und eben: sich einbringen! Das kann auf Kreis- oder Bezirksebene sein, da gibt es viele Möglichkeiten – in der Jugendzahnpflege oder in der Alterszahngesundheit. Sich das einfach mal anschauen, Fuß fassen und seine Fühler ausstrecken. Es muss ja nicht gleich ein Engagement in unserem Parlament sein, es gibt in der KZV BW viele Ausschüsse – Prüfungsausschüsse, Gutachterwesen zum Beispiel –, in die man sich mit seinem Fachverstand und seiner politischen Motivation einbringen kann. Da kann man viel bewirken und das wirkt übrigens auch nach außen: Wir können uns als Zahnärzte auch auf anderen Wegen, also auch politisch engagieren und das Bild der Zahnärzte in der Öffentlichkeit gestalten. In Anlehnung an J. F. Kennedy könnte man sagen: Frage nicht, was die Körperschaften für Dich tun soll, sondern frage Dich, was Du für die Zahnärzteschaft und damit auch für die Gesellschaft tun könntest.

Was nehmen Sie für sich persönlich nach den Jahren im Ehrenamt mit?

Ich hab viel gelernt. Es ist ja nicht nur die standespolitische Arbeit in den Gremien und im Parlament. Da kommen viele sehr persönliche Gespräche auch zu fachlichen, zahnärztlichen Themen unter Kollegen zustande. Das war für mich zum Teil wichtiger als die beste Fortbildung, weil wir uns da auch mal zu komplexen Fällen mit erfahrenen Kollegen austauschen.

Was denken Sie, was werden die Themen sein, mit denen sich Zahnärztinnen und Zahnärzte künftig befassen werden?

Die Handlungsmöglichkeiten der zahnärztlichen Selbstverwaltung wurden in den vergangenen 20 Jahren immer wieder eingeschränkt. Es ist spürbar, dass die Aufsichtsbehörden den Druck auf die zahnärztlichen Körperschaften erhöhen. Der Erhalt der Selbstverwaltung und der Freiberuflichkeit ist ein zentrales Thema. Durch eine weitere „Professionalisierung“ der Selbstverwaltung ist zu befürchten, dass es weniger wir Zahnärzte sind, die unsere Interessen vertreten. Es ist richtig und wichtig, dass entscheidende Positionen auch weiterhin von Zahnärzten oder erfahrenen Personen, die bestens mit unserem Berufsstand und unserer Selbstverwaltung vertraut sind, bekleidet werden. Damit geht allerdings die Bereitschaft einher, dass wir Zahnärztinnen und Zahnärzte Verantwortung als Vorstandsmitglied und Entscheidungsträger übernehmen wollen.

Vielen Dank für das Gespräch!