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Digitalisierung

Studie: Digitalisierung des Gesundheitswesens gefährdet freie Arztwahl in Deutschland

Einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Roland Berger zufolge kann durch die Digitalisierung im Gesundheitswesen auch das Prinzip der freien Arztwahl massiv beeinflusst werden. Demnach erwartet die große Mehrheit der befragten Experten, dass die Patientinnen und Patienten künftig stärker durch die Krankenkassen gesteuert werden.
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Versicherte der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) können in Deutschland selbst den Arzt wählen, bei dem sie sich in Behandlung begeben. Genau dieses Privileg könnte jedoch infolge der Digitalisierung des Gesundheitswesens in Gefahr geraten. Zu diesem Ergebnis kommt die kürzlich veröffentlichte Studie „Future of Health“, für die Roland Berger 400 Vertreter von Patientenseite und Ärzteschaft, Führungskräfte von Krankenkassen und aus dem Klinikbereich sowie aus der Pharmaindustrie befragt hatte.

Im Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) ist u. a. vorgesehen, dass Krankenkassen einen Teil ihrer Rücklagen in Innovationen im Bereich Digital Health investieren können. Zudem sollen sie die Möglichkeit haben, ihren Versicherten ein „umfassendes individualisiertes Beratungsangebot“ für ihren Versorgungsbedarf zu unterbreiten. Im Gesetzestext wird zwar betont, dass die „ärztliche Therapiefreiheit und die Wahlrechte der Versicherten unberührt“ bleiben. Ziel sei lediglich „eine Verbesserung der Versorgung und die Förderung der Verbreitung von Versorgungsinnovationen wie etwa von digitalen Angeboten“.

Kritik bei Ärzten und Zahnärzten

Genau dieser Passus wird jedoch in Reihen der Ärzte- und Zahnärzteschaft kritisch gesehen:

Für die KZBV ist die Förderung von Versorgungsinnovationen durch die Krankenkassen ein „eklatanter Systembruch und greift tief in den Sicherstellungsauftrag des KZV-Systems ein“. Dies könne zur aktiven, renditeorientierten Patientensteuerung missbraucht werden.

Es sei darüber hinaus nicht nachvollziehbar, warum die Förderung digitaler Innovationen allein bei den Kassen verortet wird. Die Expertise für den zahnärztlichen Versorgungsbereich liege ganz überwiegend bei der Vertragszahnärzteschaft. Die KZBV fordert daher, die Kompetenzen zur Förderung digitaler Innovationen durch eine konkrete Rechtsgrundlage auch den KZVen und der KZBV einzuräumen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) vergleicht den betreffenden Passus mit einem „Trojanischen Pferd“. Sollten die Krankenkassen digitale Versorgungsangebote ohne Einbeziehung der behandelnden Ärzte machen können, dann drohe die Rolle der Kassenärzte ausgehebelt zu werden. „Maßstab und Kern des ärztlichen Verständnisses einer guten Versorgung ist das Arzt-Patienten-Verhältnis – auch im digitalen Zeitalter“, so zitiert das Handelsblatt den KBV-Vizechef Stephan Hofmeister. „Auch digitale Angebote müssen in ein therapeutisches Gesamtkonzept integriert sein. Dieses Know-how haben wir und wollen es auch einbringen.“